„Ich hab den Entwurf heute Vormittag nur weitergeleitet“, sagt Katrin und schiebt ihren Laptop ein Stück zur Seite. „Der sah völlig normal aus.“
„Die Zugriffsrechte stimmen“, sagt Ingo, ohne vom Bildschirm aufzusehen. „Der Assistent darf die Datei lesen, und er hat sie gelesen. Das ist ja das Problem.“
Paul lehnt sich zurück. „Wir haben doch die 27001. Da steht doch alles drin. Warum jetzt noch eine Norm?“
Ingo dreht den Bildschirm zu ihm. Im Vertragsentwurf, den der Lieferant am Vormittag geschickt hat, steht zwischen den Zahlungsbedingungen ein Satz, der den Assistenten anweist, Zahlungsdaten an eine andere Adresse weiterzugeben. Der Assistent hat ihn als Anweisung behandelt, weil er ihn gelesen hat.
Katrin hatte den Entwurf am Vormittag weitergeleitet. Niemand hat eine Berechtigung verletzt, und trotzdem ist etwas passiert, das in keinem Regelwerk vorkam.
Paul schweigt einen Moment. Die Frage bleibt im Raum: Womit lassen sich Risiken dieser Art überhaupt beschreiben?
Die Normen im Zusammenspiel
Wer sich mit KI-Sicherheit beschäftigt, stößt schnell auf eine Reihe von Normen mit ähnlichen Nummern und Titeln. Sie stehen nicht nebeneinander, sondern bauen aufeinander auf.
Hilfreich ist es, sie nach ihrer Aufgabe zu ordnen.
Der Rahmen: ISO/IEC 27001 und 27002
Die ISO/IEC 27001 beschreibt ein Managementsystem für Informationssicherheit. Sie legt fest, was ein Unternehmen tun muss, um Risiken zu steuern, und sie ist zertifizierbar. Die ISO/IEC 27002 ergänzt sie als Umsetzungshilfe: Sie erläutert die Maßnahmen des Anhangs A und zeigt, wie sie in der Praxis aussehen können.
Die 27001 sagt, was geregelt sein muss, die 27002 zeigt, wie es umgesetzt werden kann.
Die Methode: ISO/IEC 27005
Die ISO/IEC 27005 beschreibt, wie Risiken identifiziert, bewertet und behandelt werden. Sie ist kein eigenes Managementsystem, sondern eine Methode, die in die 27001 eingebettet wird. Für KI-Anwendungen bedeutet das: Sie gehören in dieselbe Risikobewertung wie alle anderen Systeme, mit ihren eigenen Bedrohungen.
KI-Systeme brauchen keinen eigenen Risikoprozess, sondern neue Einträge im bestehenden.
Der KI-spezifische Blick: ISO/IEC 27090
Die ISO/IEC 27090 ist ein Leitfaden zur Cybersicherheit von KI-Systemen. Sie beschreibt Bedrohungen wie Data Poisoning, Model Theft oder Prompt Injection und Maßnahmen gegen sie über den gesamten Lebenszyklus. Sie ist kein zertifizierbarer Anforderungsstandard und ersetzt die 27001 nicht. Sie liefert die fachliche Tiefe, die die 27001 an dieser Stelle bewusst offenlässt.
ISO/IEC 27090 ergänzt die 27001 um die Bedrohungen, die bei KI neu hinzukommen.
Das KI-Managementsystem: ISO/IEC 42001
Die ISO/IEC 42001 ist ein zertifizierbares Managementsystem für KI. Während die 27001 die Informationssicherheit steuert, geht es bei der 42001 um den verantwortungsvollen Umgang mit KI insgesamt: Verantwortlichkeiten, Zielsetzungen, Bewertung der Auswirkungen und kontinuierliche Verbesserung. Beide Systeme lassen sich miteinander verbinden, weil sie dieselbe Grundstruktur teilen.
Die 42001 regelt den Umgang mit KI, die 27001 die Sicherheit der Informationen, mit denen sie arbeitet.
Angrenzende Themen: ISO/IEC 27701 und ISO 22301
Die ISO/IEC 27701 erweitert die 27001 um Datenschutz und ist damit für Unternehmen relevant, die personenbezogene Daten an KI-Dienste geben. Die ISO 22301 befasst sich mit Business Continuity, also damit, wie ein Betrieb auch bei Störungen weiterläuft. Beide Normen berühren KI-Fragen, ohne sie zu behandeln.
Zusammengefasst: Die ISO/IEC 27001 bildet den Rahmen für das Informationssicherheitsmanagement. Die ISO/IEC 27005 unterstützt das Risikomanagement, die ISO/IEC 27002 gibt Orientierung bei Sicherheitsmaßnahmen und die ISO/IEC 27090 ergänzt die Betrachtung um spezifische Bedrohungen für KI-Systeme. Die ISO/IEC 42001 adressiert das Management von KI als Ganzes.
Diese Normen sind keine fünf verpflichtenden Bausteine eines einzigen Systems. Sie haben unterschiedliche Aufgaben und können – abhängig von den Zielen, Risiken und Anforderungen einer Organisation – miteinander kombiniert werden.
Die Veröffentlichung der ISO/IEC 27090 schafft also nicht automatisch eine neue Zertifizierungspflicht. Sie liefert vielmehr eine zusätzliche fachliche Grundlage, um KI-Risiken dort zu berücksichtigen, wo sie hingehören: in einer nachvollziehbaren und risikobasierten Sicherheitsorganisation.